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Das Tunguska-Ereignis

Phänomene und Hypothesen im Überblick

Irgendetwas ist am Morgen des 30. Juni 1908 über Sibirien explodiert. Der Feuerball entzündete unter sich die Taiga und seine Druckwelle fällte die Bäume fächerförmig auf einer Fläche von 2150 Quadratkilometern; das entspricht in Größe und Form etwa dem Saarland. Der verwüstete Landstrich befindet sich glücklicherweise in einem dünn besiedeltes Gebiet etwa 700 Kilometer nordwestlich des Baikal-Sees, nahe des Flusses Steinige Tunguska.

Die erste wissenschaftliche Expedition erreichte 1927 das Gebiet der Verwüstung. Geleitet wurde sie von dem Mineralogen Leonid Kulik. Er suchte bis 1939 noch in fünf weiteren Expeditionen nach dem vermuteten Meteoriten, doch weder seine noch andere Forschergruppen konnten bis heute Trümmerstücke eines Himmelskörpers in der Tunguska-Region entdecken. Die meisten dieser Forschungsreisen wurden von sowjetischen Gruppen unternommen. Seitdem um 1990 die ehemalige Sowjetunion ihre Abschottung gegen den Westen aufgegeben hat, versuchen auch westliche Forscher vor Ort das Rätsel der Tunguska-Explosion zu lösen.

Nach den Zeugenberichten passierte damals folgendes: Ein Feuerball, fast so grell wie die Sonne, raste eine Rauchfahne ziehend durch die Atmosphäre. Einige Zeugen beschrieben andere Feuergebilde, beispielsweise zylindrische, kissenartige, schlangenartige oder Feuersäulen. Es waren mehrere Donnerschläge zu hören, die Erde bebte und die Luftdruckwelle zersplitterte Fenster in der 65 Kilometer von der Explosion entfernten Handelsniederlassung Vanavara. Die Hitzewelle der Explosion war dort auf der Haut zu spüren. Ewenken (Tungusen, nomadisches Volk) fanden neue trichterförmige Erdlöcher mit Durchmessern bis zu 50 Metern. In Europa waren mehrere Nächte ungewöhlich hell. Dieses Phänomen wurde ab der Nacht vom 29. auf den 30. Juni bis zur Nacht vom 1. auf den 2. Juli beobachtet.

Eine Besonderheit der dünn besiedelten Tunguska-Region im südlichen Mittelsibirischen Bergland ist der 250 Mio. Jahre alte Vulkankrater und zwei tektonische Bruchzonen. Er erschwert die Interpretation vieler vor Ort gesammelter Daten wesentlich.

Tunguska-Ereignis in der Übersicht
sicherlich unvollständig

Aus den Zeugenberichten, seismischen Aufzeichnungen, Luftbildaufnahmen und Messungen vor Ort wurden folgende Daten des Tunguska-Ereignisses abgeleitet:

Datum: 30. Juni 1908
Zeit: 7.14 Uhr Ortszeit (0.14 Uhr WEZ)
Epizentrum: 101°53'40'' O - 60°53'09'' N
Explosionshöhe: 5 - 10 km
Sprengkraft: 10 - 20 Megatonnen TNT (aus seismischen Aufzeichnungen)
Bahn des Tunguska-Objekts: Südost nach Nordwest; Bahnneigung 15-40°; auf Basis unterschiedlicher Zeugenaussagen und der Geometrie des verwüsteten Waldes nicht eindeutig, eventuelle Bahnänderung
Keine makroskopischen Bruchstücke eines Meteoriten wurden entdeckt.
Kein ausgeprägte Staubschicht wurde in den zugehörigen Bodenschichten gefunden.
Waldverwüstung: Die meisten gefällten Bäume weisen radial von einer bestimmten zentralen Position nach außen. Im Bereich des Zentrums blieben viele Bäume mit abgerissenen Ästen stehen wie Telegrafenmasten. In Außenbereichen der Verwüstung finden sich Bäume, die in andere Richtungen weisen oder in Tälern stehen geblieben sind. Interpretationen: 1. mehrere Explosionszentren - 2. ein Explosionszentrum + Stoßwelle des vorherigen Überschallfluges.
Mikroteilchen wurden im Tunguska-Baumharz des Jahres 1908 in besonders hoher Zahl gefunden. Chemische Zusammensetzung: Fe, Ca, Al, Si, Au, Cu, S, Zn, Cr, Ba, Ti, Ni, C, O. Ursprung vulkanisch oder himmlisch?
Iridiumgehalt stellenweise leicht erhöht in der 1908er Tunguska-Torfschicht. Iridium kommt in der Erdkruste sehr selten vor. Ursprung vulkanisch oder himmlisch?
Isotopenanomalien des Wasserstoffs und Kohlenstoffs. Ursprung vulkanisch oder himmlisch?
Phänomene: Ungewöhlich helle Nächte in Europa zwischen dem 29. Juni und 2. Juli 1908. In Sibirien wurde einige Tage vor dem Ereignis besonders helles Morgen- und Abendrot beobachtet, ebenso ein feiner Schleier am Himmel sowie nachts helle Wolken.
Radioaktivität: Früher wurden erhöhte Werte angenommen; sie entsprechen nach verbesserten Messungen dem radioaktiven Niederschlag durch Kernwaffenversuche im Kalten Krieg.

Waldverwüstung Tunguska 1927
Verwüsteter Wald. Tunguska 1927 (Fotograf/in unbekannt)

Geographie des Tungaska-Ereignisses

Riesiges Russland
Russlandkarte
Moskau
Tunguska-Ereignis

Verwüstungsgebiet
an der Steinigen Tungaska

Karte Tunguska-Ereignis
•--- Explosionszentrum u. evtl. Flugbahn (evtl. mehrere Explosionszentren, s. Kasten "Tunguska-Ereignis in der �ersicht")
••• Waldbrandgebiet
••• Verwüstungsgebiet mit gefällten Bäumen
--- Flüsse

Tunguska, gefällte B&auuml;me 1990er Jahre
Tunguska Ende der 1990er Jahre. Die Region im südlichen Mittelsibirischen Bergland wird umschlossen von den Flüssen Steinige Tunguska und Untere Tunguska. Die Überreste einiger der 1908 durch die Explosion gefällten Bäume sind dort noch heute zu finden.

Fotos: Universität Bologna, http://www-th.bo.infn.it/tunguska/

Mikropartikeln gefunden in tungusischem Baumharz
Mikroteilchen, die die Forschergruppe der Universität Bologna im Tunguska-Baumharz gefunden hat. Die zeitliche Verteilung der Teilchen zwischen 1885 und 1930 zeigt ein klares Maximum für das Jahr 1908. Neben der Untersuchung per Rasterelektronenmikroskop wurden zudem folgende chemische Elemente in den Partikeln nachgewiesen: Fe, Ca, Al, Si, Au, Cu, S, Zn, Cr, Ba, Ti, Ni, C und O.

Fotos: Universität Bologna, http://www-th.bo.infn.it/tunguska/

Was ist 1908 in Sibirien explodiert?

Da sich die gewonnen Daten, die oben verkürzt dargestellt werden, nicht eindeutig interpretieren lassen, kann bis heute niemand zuverlässig sagen, was 1908 im Tunguska-Gebiet explodiert ist. Seit damals wurden eine große Zahl an Erklärungsversuchen entwickelt. Die meisten Forscher gehen von einem explodierten kometen- oder asteroidenartigen Himmelskörper passender Größe aus. Jünger sowie höchst irdisch ist die Annahme von in der Luft explodierten Erdgases. Falls es ein Himmelskörper war, durfte er nicht zu groß gewesen sein, sonst wäre er im Erdboden eingeschlagen. Wäre er zu klein oder zu locker aufgebaut gewesen, hätte er nicht tief genug in die Atmosphäre eindringen können.



Ein typischer Kometenkern ist locker aufgebaut und besteht größtenteils aus Eis, Kohlenwasserstoffen und Gesteinsmaterial. Er würde demnach keine meteoritischen Bruchstücke hinterlassen. Sein Material entspricht der Zusammensetzung der im Verwüstungsgebiet nachgewiesenen chemischen Elemente. Allerdings wird allgemein angenommen, dass ein Kometenkern bereits in größerer Höhe explodiert sein müsste.

Kometen eher "eisige Staubbälle" als "schmutzige Schneebälle"?



Ein Steinasteroid kann tiefer in die Atmosphäre eindringen als ein Komet. Mit der richtigen Struktur könnte er vielleicht so tief in die Erdatmosphäre eindringen um in der geforderten Höhe zu explodieren - ohne größere Bruchstücke zu hinterlassen. Daher wäre er nach Ansicht vieler Tunguska-Forscher ein passender Kandidat.

Aufgrund von Computersimulationen wird angenommen, dass ein kleiner Steinsteroid üblicherweise in der Atmosphäre explodiert. Dass keine Bruchstücke entdeckt wurden, ließe sich dadurch erklären, dass sie im Boden verwittert sind. Ob sie tatsächlich unauffindbar verwittert wären, ist unbekannt. Es wurde auch keine ausgeprägte Staubschicht gefunden, die sich auf die Explosion zurückführen ließe.

Außerdem deuten neuere Erkenntnisse darauf hin, dass sich zwischen Asteroiden und Kometen keine scharfe Abgrenzung ziehen lässt, da es Asteroiden mit kometenartigen Eigenschaften gibt und umgekehrt. Asteroiden und Kometen könnten demnach zu ein und derselben, wenn auch vielgestaltigen Familie kleiner Körper des Sonnensystems gehören.

Kandidat: Steinsteroid

Explosionshöhe = 8,5 km
Durchmesser = 60 m
Masse = 400.000 t
Geschwindigkeit = 16,5 km/s
--> Bewegungsenergie = 5,4x1016 J (etwa 13 MT TNT)
- Daten (teilweise umgerechnet) nach Luigi Foschini, A solution for the Tunguska event, Astronomy & Astrophysics (1999), v.342, p.L1-L4, http://arxiv.org/abs/astro-ph/9808312

Erdgas kann als vulkanischer Auswurf aus natürlichen Lagerstätten entweichen. Da seine Bewegungsenergie sehr groß sein kann und es brennbar ist, könnte es die Tunguska-Region verwüstet haben. Diese mögliche Erklärung geht auf russische Geologen zurück, die in den 1980er Jahren im Tunguska-Gebiet nach Erdgaslagerstätten gesucht haben.

Das Szenarium. Erdgas bahnt sich im Gebiet des uralten Vulkans unter enormem Druck seinen Weg an die Erdoberfläche. Der Druck sprengt Bodenlöcher, aus denen das Gas mit Überschallgeschwindigkeit entweicht und die Bäume der Region entastet oder fällt. Gleichzeitig schießen Gasströme ähnlich den Explosionspilzen der Atombomben den oberen Atmosphärenschichten entgegen. Mitgerissener Staub und Wolken aus Eiskristallen, die durch das sich ausdehnende und abkühlende Gas gebildet werden, reflektieren Sonnenlicht und erhellen die Nächte je nach Wolkenhöhe sogar in Europa. (Das entspricht den hellen Nächten nach dem Ausbruch des Vulkans Krakatau im Jahr 1883.) Eine elektrische Entladung in der Atmosphäre entzündet das Gas. Der Brand bahnt sich seinen Weg nach unten in die sauerstoffreicheren Luftschichten und folgt immer schneller der Spur des Gases den Bodenlöchern entgegen. Dort schlägt er ein und verschließt die Gaslagerstätte.

Kandidat: Erdgas

Masse = 10 Mt
Entweichgeschwindigkeit > 1000 m/s
--> Bewegungsenergie > 1016J (etwa 10 MT TNT)
- Zu dieser Hypothese gibt es einige Berechnungen: Wolfgang Kundt, The 1908 Tunguska catastrophe: An alternative explanation, Current Science, Vol. 81, No. 4, 25 August 2001, http://tejas.serc.iisc.ernet.in/ ~currsci/aug252001/399.pdf

Links & Literaturhinweise

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-- Allgemein --
Deutschlandradio, 29.06.2003
Das Rätsel von Tunguska
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/180172/
http://www-th.bo.infn.it/tunguska/DeutschlandRadio29-06-2003.html
Tunguska.ru (hauptsächlich russisch)
http://www.tunguska.ru
-- Asteroiden- & Kometen-Hypothese --
University of Bologna: Tunguska Home Page
http://www-th.bo.infn.it/tunguska/
E. L. Krinov
Giant Meteorites
Pergamon, Oxford, 1966
Nikolai Vasilyev
The Tunguska Meteorite problem today
Planetary and Space Science, v. 46, (1998), p. 129-150
http://www.galisteo.com/tunguska/docs/tmpt.html
Chris Trayner
The Tunguska event
Journal of the British Astronomical Association, Vol.107, No.3, 1997, p.117-130
Luigi Foschini
A solution for the Tunguska event
Astronomy and Astrophysics (1999), v.342, p.L1-L4
http://arxiv.org/abs/astro-ph/9808312
M. I. Korina et al.
Iridium Distribution in the Peat Layers From Area of Tunguska Event
Lunar and Planetary Science, v. 18, (1987), p. 501
Q. L. Hou, P. X. Ma, E. M. Kolesnikov
Discovery of iridium and other element anomalies near the 1908 Tunguska explosion site
Planetary and Space Science, v. 46, (1998), p. 179-188.
E. M. Kolesnikov, T. Boettger, N. V. Kolesnikova
Finding of probable Tunguska Cosmic Body material: isotopic anomalies of carbon and hydrogen in peat
Planet. Space Sci. v. 47 (1999), p. 905-916
Evgeniy M. Kolesnikov et al.
Isotopic geochemical study of nitrogen and carbon in peat from the Tunguska Cosmic Body explosion site
Icarus 161 (2003) p. 235-243
Don Yeomans
Small bodies of the Solar System
Nature 404, p. 829 - 832 (2000)
http://www.lpl.arizona.edu/~jrich/bodies.html
-- geophysikalische Hypothesen --
Vladimir A. Epifanov, Siberian Research Institute of Geology, Geophysics and Mineral
New Hypothesis of the Tunguska Explosion
http://www.informnauka.ru/eng/2002/2002-08-23-02_190_e.htm
Andrei Ol'khovatov
1908 Tunguska event, electrophonic sounds, geophysical meteors
http://www.geocities.com/CapeCanaveral/Cockpit/3240/
The Tectonic Interpretation of the 1908 Tunguska Event
http://olkhov.narod.ru/tunguska.htm
Catalog of Tunguska Witness's Accounts
http://olkhov.narod.ru/tungwitn1.htm
Wolfgang Kundt, Current Science, Vol. 81, No. 4, 25 August 2001
The 1908 Tunguska catastrophe: An alternative explanation
http://tejas.serc.iisc.ernet.in/~currsci/aug252001/399.pdf
-- weitere Hypothesen --
Felix Siegel
Das Tunguska-Phänomen
Dokumentarische Geschichte einer nicht abgeschlossenen Untersuchung. Zum 30. Jahrestag der "Kernexplosionshypothese" 1975. CTT-Verlag, Suhl 1997
The Vurdalak Conjecture
Zur Schwarzes-Loch-Hypothese, u.a. mit einer Sammlung von Augenzeugenberichten
http://www.vurdalak.com

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