Die gefälschte Erinnerung

Eine Erinnerung ist nicht immer das, was sie scheint. Ihr Gedächtnis bietet Ihnen keine Kinovorführung, sondern es überschreibt Bruchstücke der Erinnerung mit aktuellen Erfahrungen, die für sie wichtig sind. Es überarbeitet Ihre Erinnerungen für die Gegenwart, damit Sie sinnvolle Entscheidungen treffen können. Lässt sich diese Gedächtnisfunktion auch gezielt als Gedächtnis-Editor nutzen?

Filmstreifen als Symbol für das GedächtnisDass das Gedächtnis die Erinnerung überarbeiten kann, scheint eine wissenschaftliche Studie [ 1 ] zu stützen. Sie wurde an der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago durchgeführt. Die Studie zeigt deutlich, wie das Gedächtnis Erinnerungen fehlerhaft wiedergibt, indem es Informationen aus der Gegenwart darin einpflanzt.

„Um uns zu helfen zu überleben“, sagte Donna Jo Bridge, die als Postdoktorandin die Studie leitete, „passen sich unsere Erinnerungen an eine sich ständig ändernde Umwelt an und helfen uns mit dem umzugehen, was jetzt wichtig ist. Ihr Gedächtnis rahmt Ereignisse neu und überarbeitet sie, um eine Geschichte zu entwerfen, die zu ihrer aktuellen Welt passt.“

Das Experiment

An dem Experiment nahmen 17 weibliche und männliche Versuchspersonen teil. Es wurde in drei Teilen durchgeführt:

  1. Den Testpersonen wurden per Computer Objekte an 168 verschiedenen Positionen auf den Monitoren angezeigt. Sie wurden vor wechselnden Hintergründen dargestellt, etwa vor einer Unterwasserszene oder einer Landschaft.
  2. Die Testpersonen versuchten, die Objekte an ihre ursprüngliche Monitor-Position zu setzen, aber vor einem anderen Hintergrund.
  3. Den Testpersonen wurden die Objekte an drei Positionen vor dem ursprünglichen Hintergrund gezeigt: an der ursprünglichen Position, an der im Teil 2 ausgewählte Position sowie irgendeine andere Position. Davon sollten sie die ursprüngliche Position bestimmen.

Die Testpersonen wählten im dritten Schritt immer die Position, die sie im Teil 2 des Experiments ausgewählt hatten. Bridge deutet dies so: „Ihre ursprüngliche Erinnerung der Position hat sich verändert, um die von ihnen vor dem neuen Hintergrund erinnerte zweite Position widerzuspiegeln. Ihre Erinnerung hat die Information aktualisiert durch Einfügen der neuen Information in die alte Erinnerung.“

In dieser Version des Experiments blieb die Erinnerung an die im zweiten Teil erinnerte Position dominant. Dies war die Position, von der die Versuchsperson annahm, dass sie korrekt war. Wurde dagegen im Teil 2 eine Position für das Objekt lediglich vorgegeben, blieb die ursprüngliche Objektposition im Gedächtnis dominant.

Der Hippocampus als Film-Editor

Frontalschnitt des Gehirns auf Höhe des Hippocampus

Frontalschnitt des Gehirns auf Höhe des Hippocampus. Grafik: Peter Wolber, Creative Commons BY-SA

Während des Experiments lagen die Testpersonen in einem Magnetresonanztomographen, der ihre Gehirnaktivität räumlich abbildete. Die an der Studie beteiligten Forscher fand dadurch heraus, dass das Gedächtnis anscheinend vom Hippocampus umgeschrieben wird, so wie ein Videofilm vom Film-Editor umgeschnitten wird. Der Hippocampus ist eine Struktur im Gehirn, die in beiden Schläfenlappen angesiedelt ist. Dass beide Hippocampi für die Formung des Langzeitgedächtnisses wesentlich sind, ist seit langem bekannt (siehe den Blog-Beitrag Der Mann ohne Gedächtnis).

Lässt sich die Studie verallgemeinern?

Die Ergebnisse der Studie sind dadurch eingeschränkt, dass sie die Gedächtnisfunktion nur für ein eng gefasstes Beispiel widerspiegeln, noch dazu fern einer Alltagssituation. Ähnliche Experimente sollten daher das Überschreiben von Erinnerungen an weiteren Beispielen demonstrieren. Dennoch erscheint es nicht unvernünftig, dass unser Gedächtnis zumindest Details der Erinnerung umschreibt, sei es für unsere aktuellen Erfordernisse oder durch Irreführung. Dass sich Erinnerungen tatsächlich leicht irreführen lassen, bestätigt der Einfluss von Suggestivfragen bei Zeugenaussagen.

Im Teil 2 des Experiments ist ein Bestandteil der Erinnerung in einen anderen Bezugsrahmen gesetzt worden. In diesem speziellen Fall war dies eine andere Umgebung, wenn auch nur am Computermonitor. Im wirklichen Leben hätte dies eine tatsächliche andere räumliche Umgebung sein können. Wird das Ergebnis des beschriebenen Experiments etwas verallgemeinert, könnten möglicherweise folgende Szenarien zu einer veränderten Erinnerung führen.

Beispiele aus dem Alltag

Ein Zeuge beobachtet, wie nach einem Verkehrsunfall ein rotes Auto flüchtet. Später entdeckt er anscheinend oder tatsächlich dasselbe Auto mit anscheinend derselben Schramme noch einmal. Diesmal ist es allerdings nicht rot, sondern orange. Ist das Fluchtfahrzeug in der Erinnerung des Zeugen nun auch orange? Wie groß darf die Abweichung vom Original sein? Dürfte die Farbe des Autos bei der zweiten Beobachtung auch stärker vom Original abweichen, also etwa blau sein, um die Erinnerung zu verändern?

Eine Erinnerung lässt sich auch in einen veränderten emotionalen Zusammenhang rücken. Beispielsweise könnte der neue Klassenlehrer in seinen ersten Unterrichtsstunden von den Schülern als besonders streng empfunden werden. Wenn sie im weiteren Verlauf des Schuljahrs merken, dass der Lehrer sich intensiv um ihre Probleme kümmert und ihnen eine spannende Klassenfahrt beschert, projizieren sie das neue freundschaftliche Gefühl für ihren Lehrer möglicherweise in die Erinnerungen an die ersten Unterrichtsstunden mit ihm.

Lässt sich die Erinnerung gezielt umschreiben?

Wenn unser Gedächtnis Teile der Erinnerung für unsere aktuellen Erfordernisse umschreibt, lässt sich dann diese Gedächtnisfunktion wie ein Gedächtnis-Editor nutzen? Lassen sich damit Gedächtnisinhalte nach Bedarf umzuschreiben, zum Beispiel um seine als Kind erworbene Spinnenangst zu verlieren oder um besser lernen zu können? Lässt sich der Gedächtnis-Editor auch missbräuchlich nutzen, um die Gedächtnisinhalte einer Zielperson ohne ihr Wissen zu verändern?

Na, dann spekulieren wir mal. Es könnte mehrere Möglichkeiten geben, eine falsche Erinnerung von „außen“ in das Gedächtnis einzupflanzen, doch hier orientiere ich mich am beschriebenen Experiment und den obigen Beispielen. Verallgemeinert man das Experiment, lassen sich Gedächtnisinhalte einer Zielperson möglicherweise so verändern – freiwillig oder missbräuchlich:

  1. Ein tatsächliches Erlebnis der Testperson erzeugt ihre ursprüngliche Erinnerung.
  2. Ein Bewusstseinszustand, der sich leicht beeinflussen lässt, ist vermutlich hilfreich für die Veränderung des Gedächtnisses. Möglicherweise lässt er sich durch geeignete Meditationstechniken oder Psychopharmaka hervorrufen.
  3. Eine möglichst realitätsnahe Spielszene stellt den zu verändernden Teil der ursprünglichen Erinnerung in einen neuen Bezugsrahmen, etwa in einer tatsächlichen Spielszene, in der eigenen Vorstellung oder in einer virtuellen Realität. Der neue Bezugsrahmen kann eine andere räumliche Umgebung sein oder auch ein anderer emotionaler Zusammenhang, etwa wenn aus einem Freund ein Feind wird oder die Nützlichkeit eines vorher als gefährlich eingestuften Gerätes erkannt wird. Durch den neuen Bezugsrahmen wird dem zu veränderndem Erinnerungsbestandteil eine neue Eigenschaft zugeordnet, die er in der ursprünglichen Erinnerung nicht hat.
  4. Das Gedächtnis pflanzt diese neue Eigenschaft in die ursprüngliche Erinnerung ein und überschreibt sie damit.

Ist das realistisch oder schlechte Sciencefiction?

Link

[ 1 ] Donna J. Bridge and Joel L. Voss: Hippocampal Binding of Novel Information with Dominant Memory Traces Can Support Both Memory Stability and Change; The Journal of Neuroscience, 5 February 2014, 34(6): 2203-2213; doi: 10.1523/JNEUROSCI.3819-13.2014
http://www.jneurosci.org/content/34/6/2203.short

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