Freier als gedacht: Bewusster Wille kontrolliert das Unbewusste

Hängen wir machtlos am Gängelband unbewusster Gehirnvorgänge? Hirnforscher sagen: Nein! Unser Bewusstsein kontrolliert unbewusste Prozesse im Gehirn. Der Wille und die automatische Verarbeitung arbeiten Hand in Hand, nicht gegeneinander.

Sigmund Freund begründete um 1900 durch seine Forschungsarbeiten die Psychoanalyse. Psychologen und Bewusstseinsforschern nehmen seitdem größtenteils an, dass unser Unbewusstes selbständig arbeitet und nicht vom Bewusstsein kontrolliert wird. Die Ergebnisse einer Forschergruppe an der Universität Ulm widersprechen dieser Lehrmeinung.

„Die Vorstellung des chaotischen und unkontrollierbaren Unbewussten prägt bis heute auch die akademische Psychologie und Kognitionsforschung. Dieses Dogma wurde in der Vergangenheit kaum kritisch hinterfragt“, so Professor Markus Kiefer, Sprecher eines deutschlandweiten Projektnetzwerkes zur Bewusstseinsforschung. „Unsere Befunde widerlegen diese Lehrmeinung. Sie zeigen eindeutig, dass unser Bewusstsein zu den Absichten passende unbewusste Vorgänge in unserem Gehirn verstärkt, nicht passende dagegen abschwächt.“ Dadurch werde gewährleistet, dass unser bewusstes „Ich“ Herr im Haus bleibt und nicht durch eine Vielzahl unbewusster Tendenzen beeinflusst wird. „Wir sind also keinesfalls Sklaven unseres Unbewussten, wie lange Zeit angenommen“, meint Kiefer. „Unser Wille ist freier als gedacht“

Markus Kiefers Forschungsgruppe zeigte mit Messungen der Hirnaktivität im Magnetresonanztomographen (MRT), dass bewusste Vorsätze die Arbeit unserer automatischen Systeme im Gehirn steuern. Die Forscher wiesen erstmals nach, dass solche Vorsätze für eine gewisse Zeit Bereiche im Gehirn vernetzen, die den unbewussten Informationsfluss im Gehirn steuern [ 1 ].

Beispiele aus dem Alltag

Die Kontrolle des Unbewussten durch das Bewusstsein verdeutlicht Kiefer durch ein Alltagsbeispiel: “Wenn ich in den Supermarkt gehe, um Spülmittel zu kaufen, bin ich wenig empfänglich für die Schokolade im Süßwarenregal. Die Situation ist ganz anders, wenn ich gerade hungrig und dabei bin, Nahrungsmittel einzukaufen. Ähnliches gilt auch beim Autofahren: Wenn ich einen Fußgänger auf der Fahrbahn erwarte, kann ich ihn mit höhere Wahrscheinlichkeit auch dann rechtzeitig erkennen und abbremsen, wenn er am Rande meines Gesichtsfeldes auftaucht und damit nicht bewusst wahrnehmbar ist.“ Die bewussten Absichten und Einstellungen entscheiden somit darüber, ob ein unbewusster Prozess in unserem Gehirn überhaupt ablaufen kann.

Ablauf des Experiments

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) macht Veränderungen der Sauerstoffanreicherung im Gehirn sichtbar und zeigt so die Gehirnaktivität. Foto: Heiko Grandel

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) macht Veränderungen der Sauerstoffanreicherung im Gehirn sichtbar und zeigt so die Gehirnaktivität. Foto: Heiko Grandel

Die Forscher der Ulmer Universitätsklinik für Psychiatrie untersuchten die Gehirnaktivität von Versuchspersonen im Magnetresonanztomographen. Die Versuchspersonen mussten dort Worte von einem Monitor ablesen. Vor diesen Worten wurden ihnen andere Worte eingeblendet, sogenannte Bahnungsreize, allerdings nur so kurzzeitig, dass sie nicht bewusst wahrnehmbar waren. Unbewusste Bahnungsreize mit ähnlicher Bedeutung beschleunigten die Erkennenszeiten der nachfolgend gezeigten kritischen Wörter, beispielsweise in den Kombinationen Tisch-Stuhl, Henne-Ei. Doch dies funktionierte nur dann, wenn die Versuchspersonen zuvor die Absicht hatten, die Bedeutung der Wörter zu verstehen. Hatten sie dagegen die Absicht, nur auf die Form der Buchstaben zu achten, verkürzten die unbewussten Bahnungsreize die Erkennenszeiten der sichtbaren Wörter nicht.

Diese Blockade unbewusster Prozesse durch die bewussten Absichten der Versuchspersonen zeigte sich auch in ihrer Hirnaktivität. Beachteten die Versuchspersonen vor dem Lesen der Wörter die Form von Bildern, hatten die unbewusst wahrgenommenen Wörter keinen Einfluss auf die Gehirnaktivität beim Lesen. Durch die bewussten Absichten der Versuchspersonen, auf Bedeutung oder Form zu achten, vernetzten sich für eine gewisse Zeit unterschiedliche Hirnregionen. Dies beeinflusste die Verarbeitung der unbewusst wahrgenommenen Reize.

Projektnetzwerk zur Bewusstseinsforschung

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) wird in diesem Blog-Beitrag etwas näher erläutert:

Kopfkino im Labor: Gehirndekodierung und Gedankenlesen
Prinzip der Gehirn-Dekodierung.Durch das Scannen der Gehirnaktivität können Neurowissenschaftler die Gedanken eines Menschen entschlüsseln und sogar bildhafte Vorstellungen sichtbar machen. Bisher funktioniert dies glücklicherweise nur eingeschränkt und unter aufwändigen Laborbedingungen – zumindest in der öffentlichen Forschung und Entwicklung. [mehr davon]http://www.erkenntnishorizont.de/zukunftstechnologien/kopfkino-im-labor-gehirndekodierung-und-gedankenlesen/

Mit 1,9 Millionen Euro förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein deutschlandweites Projektnetzwerk zur Bewusstseinsforschung, in das das Ulmer Projekt eingebettet ist. Kiefer ist Sprecher dieses Netzwerkes: „Mühelos koordiniert das Gehirn im Alltag bewusste und unbewusste Prozesse, etwa bei der Wahrnehmung. Aber was dabei im Kopf passiert, ist sehr kompliziert und nach wie vor zum Teil unverstanden. Philosophen streiten seit Jahrtausenden über die Natur des Bewusstseins und sein Verhältnis zu den unbewussten Vorgängen. Wir können nun mit modernsten Methoden bewusste und unbewusste Prozesse im Gehirn sichtbar machen und so zur Lösung dieser alten Frage beitragen“. Im Gegensatz zur früheren Lehrmeinung werde durch diese Forschung deutlich, dass sich bewusste und unbewusste Vorgänge im Gehirn wechselseitig beeinflussen.

Links

[ 1 ] Martin Ulrich, Sarah C. Adams, Markus Kiefer: Flexible establishment of functional brain networks supports attentional modulation of unconscious cognition. In: Human Brain Mapping 2014 Nov; 35(11):5500-16. doi: 10.1002/hbm.22566. Epub 2014 Jun 23
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24954512

Projektnetzwerk zur Bewusstseinsforschung:
Neuro-cognitive mechanisms of conscious and unconscious visual perception
http://www.uni-ulm.de/unbewusst/

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