Turing-Test bestanden! – Setzen! – Sechs!

Ein historischer und umstrittener Meilenstein der künstlichen Intelligenz wurde erreicht, zumindest scheint es auf den ersten Blick so. Mit dem Turing-Test, dessen Prinzip der englische Informatiker Alan Turing formuliert hat, soll festgestellt werden, ob ein Computer denken kann. Formal wurde der Test am Samstag von dem Computerprogramm „Eugene Goostman“ bestanden. Schon kurz darauf wurde schwerwiegende Kritik an dem Urteil laut.

Fünf Computerprogramme wurden am 60. Todestag Alan Turings an der Royal Society in London auf ihre Denkfähigkeit hin getestet. Organisiert wurde der „Turing Test 2014“ von der University of Reading [ 1 ]. Hierbei unterhielten sich 30 Testpersonen per Tastatur und Monitor mit den Programmen.

Das Programm Eugene wurde im russischen Sankt Petersburg entwickelt. Seine Entwickler sind Vladimir Veselov, der aus Russland stammt und in den USA lebt, sowie Eugene Demchenko, der aus der Ukraine stammt und in Russland lebt.

Eugene überzeugte in 33 Prozent der Fälle seine menschlichen Gesprächspartner ein 13-jähriger Junge aus der Ukraine zu sein. Damit erreichte das Programm 3 Prozentpunkte mehr als nach den Regeln der Veranstalter als „Denkbeweis“ gefordert war.

Turings Test

Alan Mathison Turing (23.6.1912-7.6.1954), Statue an der Universität von Surrey. Als Mathematiker, Kryptoanalytiker und Computerwissenschaftler schuf er u.a. wesentliche Grundlagen der Informatik, z.B. das Berechenbarkeitsmodell der Turingmaschine. Im Zweiten Weltkrieg lieferte er wichtige Beiträge zur Entschlüsselung deutscher Funksprüche. Zudem beschrieb er einen möglichen strukturbildenden Mechanismus der Lebewesen. Er tötete sich nach juristischer Verfolgung und Therapie wegen seiner Homosexualität.

Alan Mathison Turing (23.6.1912-7.6.1954), Statue an der Universität von Surrey. Als Mathematiker, Kryptoanalytiker und Computerwissenschaftler schuf er u.a. wesentliche Grundlagen der Informatik, z.B. das Berechenbarkeitsmodell der Turingmaschine. Im Zweiten Weltkrieg lieferte er wichtige Beiträge zur Entschlüsselung deutscher Funksprüche. Zudem beschrieb er einen möglichen strukturbildenden Mechanismus der Lebewesen. Er tötete sich nach juristischer Verfolgung und Therapie wegen seiner Homosexualität. Foto: Wikimedia Commons, User: Fernrohr, gemeinfrei

Das Prinzip des Tests formulierte Alan Turing 1950 [ 2 ]. Je ein menschlicher Tester unterhält sich nur per Tastatur und Monitor mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartnern. Die Gesprächszeit wird fest vorgegeben. Der eine Gesprächspartner ist ein Mensch, der andere ein Computerprogramm. Beide sollen den Tester davon überzeugen, dass sie Menschen sind. Wenn ein vorgegebener Prozentsatz der Tester danach Programm und Mensch nicht unterscheiden können, hat das Programm den Turing-Test bestanden. Das heißt, ihm wird praktisch menschliche Intelligenz unterstellt.

Alan Turing wollte mit dem von ihm vorgeschlagenen Test prüfen können, ob ein Computerprogramm die allgemeine Intelligenz eines Menschen besitzt. Diese Intelligenz befähigt uns, die scheinbar einfachen Aufgaben des Alltags zu lösen, etwa seine Zähne zu putzen, Kaffee zu kaufen und zu kochen, einen Umzug zu organisieren oder eine Pointe zu verstehen. Beobachter und Teilnehmer des aktuellen Turing-Tests bemängeln dagegen, dass das Programm Eugene nur aufgrund von Tricks und der Testbedingungen den Test bestanden hat.

Elizas Erbe: getrickst statt gedacht

Beispielsweise kritisiert Gary Marcus, Professor für Kognitionswissenschaft an der New York University, die Verschleierungstaktik des Programms. Eugene sei lediglich ein Erbe des Programms Eliza [ 3 ], das in den 1960er Jahren von dem Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum entwickelt wurde, eher als Scherz. Eliza simulierte grob eine geduldige und ziellose Psychotherapeutin, die Stichworte ihres Gegenübers aufgriff und das Gespräch mithilfe phrasenartiger Bemerkungen und Fragen aufrechterhielt. Zumindest funktionierte dies einige Zeit, bis Elizas Äußerungen schließlich grammatikalisch oder inhaltlich überhaupt nicht mehr in den Gesprächszusammenhang passten. Weizenbaum selbst kritisierte, wie leicht Menschen Eliza als ernstzunehmenden Gesprächspartner akzeptierten. Manche Testpersonen sollen schwer davon zu überzeugen gewesen sein, dass Eliza kein Mensch war.

Der clever programmierte Eugene könne die Illusion eines Gesprächs länger aufrechterhalten als Eliza, meint Marcus [ 4 ]. Sein Wortschatz überschreite den Bereich der Psychiatrie und familiärer Konflikte. Zudem habe Eugene ein Verständnis für Grammatik und in seine Äußerungen seinen persönliche Eigenheiten eingebaut, die den Testern einen flapsigen Jugendlichen vorgaukelten. Allerdings wechsle Eugene immer das Thema, wenn das Programm – wie meistens – mit einer Frage nicht klarkomme. Eugene würde seinen Gesprächspartner demnach in die Irre führen, statt mit Verständnis diskutieren. Wie dies in der Praxis aussieht, lässt sich an der veröffentlichten Konversation zwischen Doug Aamoth und Eugene nachvollziehen. [ 5 ]

Weitere Kritikpunkte von Beobachtern waren, dass Eugene einen Jungen simuliert, dessen Muttersprache nicht Englisch ist. Denn dadurch können sprachliche Unstimmigkeiten leicht entschuldigt werden. Zudem waren fünf Minuten für jedes Gespräch eines Testers mit dem Programm und parallel dazu mit einem Menschen zu knapp angesetzt. Fehlende Intelligenz kann so leichter unerkannt bleiben.

Dennoch ist bedenkenswert, wie leicht sich Menschen durch ein Computerprogramm täuschen lassen.- Ansonsten:

Ziel verfehlt! – Setzen! – Sechs!

Links

[ 1 ] School of Systems Engineering, University of Reading
http://www.reading.ac.uk/sse-index.aspx

[ 2 ] Alan Turing: Computing machinery and intelligence; Mind, Vol. 59, Is. 236, 1950, Pp. 433–460
http://www.loebner.net/Prizef/TuringArticle.html

[ 3 ] Joseph Weizenbaum: ELIZA – A Computer Program For the Study of Natural Language Communication Between Man And Machine; Communications of the ACM, Vol. 9 Is. 1, January 1966, Pp. 36–45
http://dx.doi.org/10.1145/365153.365168

[ 4 ] Gary Marcus: What Comes After the Turing Test?
http://www.newyorker.com/online/blogs/elements/2014/06/failing-the-turing-test.html

[ 5 ] Doug Aamoth: Interview with Eugene Goostman, the Fake Kid Who Passed the Turing Test (inklusive Konversation mit Eugene)
http://time.com/2847900/eugene-goostman-turing-test/

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