Der Mann ohne Gedächtnis

Seit seinem 27. Lebensjahr erinnerte sich der US-Amerikaner Henry Gustav Molaison kaum an seine Vergangenheit. Schwerwiegender war, dass er keine neuen Erinnerungen mehr bilden konnte. Seine Persönlichkeit hatte sich nicht verändert, und er war überdurchschnittlich intelligent. Doch er erinnerte sich gegebenenfalls weder daran, was er vor ein paar Minuten gegessen hatte, noch daran, dass er gerade eben mit einem alten Freund geplaudert hatte. Den Neurowissenschaften hinterließ er ein besonderes Vermächtnis.

Henry Molaison wurde am 26. Februar 1926 geboren und wuchs in Hartford auf, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Connecticut. Im Alter von zehn Jahren bekam er erste, leichte epileptische Anfälle. Sie entwickelten sich bis zu seinem 15. Lebensjahr zu schweren Krampfanfällen. Die Ursache für die Anfälle war unbekannt. Möglicherweise hing sie damit zusammen, dass er sich mit neun Jahren am Kopf verletzt hatte.

Frontalschnitt des Gehirns auf Höhe des Hippocampus

Frontalschnitt des Gehirns auf Höhe des Hippocampus. Grafik: Peter Wolber, Creative Commons BY-SA

Die Anfälle belasteten Henry Molaison im Alltag, in der Schule und später auch an seiner Arbeitsstelle schwer. Als selbst hohe Dosen der krampflösenden Medikamente nicht mehr halfen wandte er sich an William Beecher Scoville, den leitenden Neurochirurgen am Hartford Hospital. Als Molaison 27 Jahre alt war, entfernte ihm der Chirurg aus beiden Gehirnhälften Teile seiner inneren Schläfenlappen. Die Schläfenlappen sitzen seitlich am unteren Teil des Großhirns. Ihre inneren Bereiche enthalten beide jeweils den sogenannten Hippocampus. Dort liegt bei der Temporallappenepilepsie der Ursprung der Anfälle.

Operation mit Nebenwirkungen

Die chirurgische Abtragung der beiden Hippocampi im Jahr 1953 erreichte ihr Ziel: Henry Molaisons Epilepsie wurde gemildert und medikamentös beherrschbar. Die Nebenwirkungen waren allerdings schwerwiegend. Sein Faktenwissen blieb zwar erhalten, also beispielsweise das Wissen, was die Hauptstadt der USA ist oder was eine Geburtstagsfeier ist. Er konnte jedoch keine neuen Erinnerungen bilden.

An seine Erlebnisse vor dem Eingriff erinnerte er sich ebenfalls nicht. Stattdessen entwarf er entsprechende Erinnerungen an Menschen und Erlebnisse behelfsmäßig, indem er sein Faktenwissens über diese Menschen, Vorgänge und Orte miteinander verknüpfte. In den letzten 55 Jahren seines Lebens war jedes Erlebnis für ihn neu.

Leben im Jetzt

Der Gedächtnisverlust veränderte Henry Molaisons Persönlichkeit nicht, und auch seine Auffassungsgabe und Intelligenz waren grundsätzlich wie vor dem chirurgischen Eingriff. Da er allerdings ohne Erinnerung nur im Jetzt lebte, konnte er keinen gewöhnlichen Alltag leben. Seine Freunde und langjährigen Ärzte lernte er bei jedem Treffen wieder neu kennen. Jeder Stadtbummel war für ihn sein erster Stadtbummel. Ein eigenständiges Leben und eine berufliche Anstellung waren auf dieser Grundlage nicht machbar.

Daher lebte er ab dem 27. Lebensjahr zunächst wieder bei seinen Eltern und während der 1970er Jahre bei Verwandten. Mit der Unterstützung seiner Betreuer und seinem allgemeinen Wissen aus seinen ersten 27 Lebensjahren hangelte er sich durch den Tag. So machte er zum Beispiel sein Bett, half beim Einkaufen oder mähte den Rasen. Ab 1980 lebte er in einem Pflegeheim. Als er dort einzog war er gerade einmal 54 Jahre alt.

Studienobjekt H. M.

Henry Molaison wurde ein begehrtes Studienobjekt der Neurowissenschaften. Er wurde als liebenswürdiger Mensch beschrieben, der bereitwillig mit Medizinern, Wissenschaftlern und Studenten zusammenarbeitete – obwohl es bei allen Untersuchungen, Tests und Gesprächen so war, als ob er jeden der Forscher immer wieder das erste Mal traf. Dennoch erkannte Henry Molaison anscheinend irgendwie, dass er Teil eines größeren Unternehmens war.

In medizinischen Fachjournalen war er weltweit lediglich als Patient H. M. bekannt, um seine Privatsphäre zu schützen. Die zahlreichen Tests ergaben, dass Henry Molaisons Kurzzeitgedächtnis einwandfrei arbeitete: es konnte Erinnerungen für etwa 20 Sekunden bereithalten. Um sich etwas darüber hinaus zu merken, musste er es sich ständig wiederholen.

Ansonsten konnte er ohne die beiden Hippocampi Erinnerungen nicht langfristig speichern. Damit lieferte er den ersten deutlichen Hinweis darauf, dass die Hippocampi für die langfristige Gedächtnisbildung wichtig sind, zumindest soweit es das Erinnern von Wissen und Erlebnissen anbelangt.

Gedächtnis ohne Erinnerung

Henry Molaison konnte zumindest spezielle Langzeiterinnerungen bilden, und zwar solche, die üblicherweise erst auf den zweiten Blick mit dem Gedächtnis in Verbindung gebracht werden. Denn er konnte neue Fertigkeiten erlernen, etwa den geschickten Umgang mit einem Werkzeug – ohne sich zu erinnern, wie er zu den Fähigkeiten gekommen war. Dies sprach deutlicher dafür, dass das Gedächtnis für Handlungsabläufe oder auch prozedurales Gedächtnis außerhalb der Hippocampi gebildet wird.

Der zerrissene Draht nach innen

Der chirurgische Eingriff ins Gehirn des Henry Molaison hatte neben dem Gedächtnisverlust eine weitere Nebenwirkung. Seine Empfindungen waren stark gedämpft, oder er konnte sie nur noch stark gedämpft ausdrücken. Er war anscheinend kaum noch hungrig oder durstig, fühlte kaum noch Schmerzen oder Angst, und auch sein innerer Antrieb war geschwächt.

Detaillierte Abbildungen seines Gehirns ab den 1990er Jahren per Magnetresonanztomographie verrieten warum. Jeweils zusammen mit dem Hippocampus war benachbartes Gehirngewebe entfernt worden, das zur Amygdala gehörte. Die Amygdala und ihre Verknüpfungen sind jedoch wichtig für die Wahrnehmung von Erregungen und Empfindungen.

Das Vermächtnis des Henry Molaison

Henry Molaison starb am 2. Dezember 2008 in einem Pflegeheim in Windsor Locks, Connecticut, im Alter von 82 Jahren. Sein Gehirn hatte er der Wissenschaft vermacht. Es wurde chemisch konserviert und im Center for Biological Imaging in Charlestown, Maryland, per Magnetresonanztomographie mehrfach gescannt. Die weiteren Untersuchungen wurden am Forschungsinstitut The Brain Observatory [ 1 ] an der Universität von Kalifornien, San Diego, durchgeführt.

Dort wurde es wochenlang für das Einfrieren auf -40°C vorbereitet. Der gefrorene Gehirnblock wurde dann mithilfe eine Mikrotoms in hauchdünne Scheiben zerschnitten. Die Gehirnschichten fotografierte eine Digitalkamera mit hoher Auflösung. Diese Fotos waren die Grundlage für die dreidimensionale Rekonstruktion des Gehirns in digitaler Form, die für wissenschaftliche Zwecke frei zugänglich ist. Die anatomische Analyse des Gehirngewebes wurde Anfang 2014 im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht [ 2 ].

Gehirn des Henry Molaison im Mikrotom. Aus den Schichten wurde ein digitales 3D-Modell der Gehirnanatomie gefertigt.

Der chirurgische Eingriff ins Gehirn des Henry Molaison hatte tragische Folgen. Sie sind ebenso detailliert bekannt wie nun auch seine Hirnanatomie. Somit können Gehirnbereiche sehr genau mit Gehirnfunktionen verknüpft werden. Das Vermächtnis des Henry Molaison ist daher für die Neurowissenschaften eine einzigartige Kostbarkeit.

Links

[ 1 ] Jacopo Annese et al.: Postmortem examination of patient H.M.’s brain based on histological sectioning and digital 3D reconstruction, Nature Communications 5, Article number: 3122, doi:10.1038/ncomms4122, Published 28 January 2014
http://www.nature.com/ncomms/2014/140128/ncomms4122/full/ncomms4122.html

[ 2 ] The Brain Observatory
http://thebrainobservatory.ucsd.edu

The New York Times (4.12.2008): H. M., an Unforgettable Amnesiac, Dies at 82
http://www.nytimes.com/2008/12/05/us/05hm.html?_r=0

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