Nahtod- und außerkörperliche Erfahrungen || Ergebnisse der AWARE-Studie liegen vor

In der AWARE-Studie haben Wissenschaftler seit 2008 die bewussten Wahrnehmungen von Patienten während ihres klinischen Todes untersucht, auch mit objektiv überprüfbaren Testverfahren. Einer der untersuchten Fälle ist bemerkenswert. Die Ergebnisse scheinen eine intensivere Erforschung des Bewusstseins an der Schwelle zum Tod zu rechtfertigen.

Das Kürzel AWARE steht für „AWAreness during REsuscitation“, also etwa für Wahrnehmung während der Wiederbelebung oder Reanimation. In der Studie untersuchten Mediziner, Neurowissenschaftler und Psychologen Herzpatienten aus zahlreichen Kliniken in Großbritannien, den USA und Österreich. Neben den medizinischen und psychologischen Daten werteten die Forscher vor allem die Berichte der Patienten über ihre bewussten Erfahrungen aus, die sie während ihres klinischen Todes machten.

EEG-Streifen. Nach zwei normalen Herzschlägen (Sinus-Rhythmus) folgt ein unvollständiger Herzschlag (Vorhof). Die anschließende EEG-Nullline zeigt das Aussetzen des Herzens (Asystole) an. Foto: James Heilman, MD, Creative Commons BY-SA

EEG-Streifen. Nach zwei normalen Herzschlägen (Sinus-Rhythmus) folgt ein unvollständiger Herzschlag (Vorhof). Die anschließende EEG-Nullline zeigt den Herzstillstand an (Asystolie). Foto: James Heilman, MD, Creative Commons BY-SA

Berichte von der Schwelle des Todes sind seit langem bekannt, etwa nach einem Unglück oder nach einem kritischen chirurgischen Eingriff. Wiederbelebte Menschen erinnern sich beispielsweise an die Wahrnehmung, tot zu sein, an Glücksgefühle, an die Begegnung mit Verstorbenen, die Bewegung durch einen Tunnel, ihre Lebensrückschau oder die Gegenwart einer Grenze. Manche Menschen beschreiben auch die Erfahrung, außerhalb ihres Körpers geschwebt zu sein, dabei ihren Körper und die umgebende Szenerie von oben beobachtet zu haben.

Nach jüngeren Studien berichten 10% der Patienten, die einen Herzstillstand überlebt haben, von Erinnerungen und Gedankengängen aus der Zeit ihres klinischen Todes. Ein kleiner Anteil der Überlebenden beschreibt den Eindruck, Details der Notfall- oder OP-Szenerie gesehen und gehört zu haben.

Realität oder Halluzination?

Die Realität solch subjektiver Nahtoderfahrungen ist im Allgemeinen schwer nachprüfbar, und von Wissenschaftlern werden sie meist als Halluzinationen oder Illusionen angesehen. Obwohl es einige wissenschaftliche Untersuchungen von Nahtoderlebnissen gibt, ist die Zahl objektiver Studien gering.

Um reale Erinnerungen von Halluzinationen oder Illusionen eindeutig unterscheiden zu können, nutzten die Forscher Objekte, die normalerweise von den Patienten lediglich von oben, also von einer „schwebenden“ Position aus gesehen werden konnten. Weitere Testmittel waren akustische Signale während des klinischen Todes.

Die Ergebnisse der AWARE-Studie

Die Ergebnisse der Studie werden im Fachjournal „Resuscitation“ veröffentlicht und sind bereits online verfügbar [ 1 ]. Die Studie lief unter kritischen Bedingungen ab. Schließlich hatte die medizinische Versorgung der Patienten Vorrang vor allem anderen. Nur 22% der Herzstillstände ereigneten sich in Räumen, in denen Objekte zum Nachweis der außerkörperlichen Erfahrung angebracht waren. Keine der berichteten außerkörperlichen Erfahrung ereignete sich dort. Dennoch sind die Studienergebnisse beachtenswert:

2060 Patienten mit Herzstillstand hätten potenziell Teil der Studie werden können.

330 von ihnen überlebten.

140 Patienten waren für die Studie geeignet.

101 Patienten nahmen an allen Befragungen teil, die die Beurteilung eines Nahtoderlebnisses erlaubten.

46% von ihnen erinnerten sich an Gedanken und Gefühle in dieser Zeit: Angst, Tiere oder Pflanzen, helles Licht, Gewalt oder Verfolgung, Déjà-vu (Gefühl, eine Situation schon einmal erlebt zu haben), Familie, Ereignisse nach dem Herzstillstand. An Ereignisse aus der Zeit ihres Herzstillstands konnten sie sich nicht erinnern.

9% berichteten von einer typischen Nahtoderfahrung.

2% beschrieben den Eindruck, tatsächliche Ereignisse aus der Zeit ihres klinischen Todes gesehen oder gehört zu haben. Die Erfahrungen entsprechen in etwa dem, was man von außerkörperlichen Erfahrungen erwarten würde.

Der herausragende Fall

Ein Patient konnte sich nachweisbar an einen bewusst erlebten Zeitabschnitt während seines klinischen Todes erinnern, also aus der Zeit seines Herzstillstands und somit ohne Sauerstoffversorgung des Gehirns. (Ein weiterer Patient mit außerkörperlicher Erfahrung schied aus der Studie aus wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung.)

Der Fall dieses Patienten wurde von den Forschern als real bestätigt, durch akustische Signale sogar hinsichtlich des zeitlichen Ablaufs. Der New Yorker Kardiologe Dr. Sam Parnia, Leiter der Studie, fasste das Besondere dieses Falles in einem Interview zusammen:

Das ist wichtig, denn es wurde oft angenommen, dass Erfahrungen in Bezug zum Tod wahrscheinlich Halluzinationen oder Illusionen sind, die entweder vor dem Herzstillstand ablaufen oder nachdem das Herz wieder gestartet worden ist, dass die Erfahrungen aber nicht zu ‘realen’ Ereignissen gehören, wenn das Herz still steht. In diesem Fall [des Patienten] treten Bewusstsein und Wahrnehmung auf während einer dreiminütigen Periode ohne Herzschlag. Das ist paradox, da das Gehirn typischerweise innerhalb von 20 bis 30 Sekunden nach Beginn des Herzstillstands seine Funktionen einstellt und nicht wieder aufnimmt, bis das Herz wieder schlägt. Außerdem passen die detaillierten Erinnerungen visueller Wahrnehmungen in diesem Fall zu den bestätigten Ereignissen [während des klinischen Todes].

Bedarf an weiteren Studien

Die AWARE-Forscher gehen davon aus, dass ein größerer Anteil von Menschen lebhafte Todeserfahrungen gemacht haben kann, ohne sich daran zu erinnern, etwa aufgrund von Gehirnschäden oder betäubender Medikamente. Die von den Patienten erinnerten Erfahrungen an der Schwelle zum Tod verdienen aus ihrer Sicht eine tiefergehende Untersuchung ohne Vorurteile. Für weitere Studien regen sie an, auch zu erforschen, inwieweit die Wahrnehmungen während des Herzstillstands sich psychologisch langfristig auswirken, etwa in Form des posttraumatischen Stresssyndroms.

Kommentar

Eine weitere Frage drängt sich hinsichtlich der Organspende zu Transplantationszwecken auf: Inwieweit erleben als hirntod erklärte Patienten die Entnahme ihrer Organe bewusst mit?

Buch-Tipp

Dr. med. Sam Parnia (Leiter der AWARE-Studie): Der Tod muss nicht das Ende sein: Was wir wirklich über Sterben, Nahtoderlebnis und die Rückkehr ins Leben wissen

Links

AWARE-Studie
http://www.horizonresearch.org/main_page.php?cat_id=38

[ 1 ] Sam Parnia et al.: AWARE—AWAreness during REsuscitation—A prospective study, to be published in Resuscitation, accepted: September 7, 2014, DOI 10.1016/j.resuscitation.2014.09.004
http://www.resuscitationjournal.com/article/S0300-9572%2814%2900739-4/fulltext

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