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Hibernation - Astronauten im Kälteschlaf
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Igel, Fledermäuse, Braunbären und andere Tiere reduzieren während
des Winters ihre Köpertemperatur, ihren Herzschlag, ihre Atmung
und ihren Stoffwechsel mehr oder weniger drastisch.
Durch diesen Winterschlaf (Hibernation, Torpor; abgeschwächte Form: Winterruhe;
Winterstarre bei Amphibien und Reptilien)
können sie kalte und karge Zeiten
auch ohne Nahrung überstehen. Sogar manche Primaten wie der Fettschwanzmaki
auf Madagaskar (!) fallen in Winterschlaf. - Was hat das mit Raumfahrt zu tun?
Missionen zu den Planeten unseres Sonnensystems dauern Monate oder Jahre, Reisen zu
anderen Planetensystemen würden Jahrzehnte in Anspruch nehmen.
Diese Zeiträume können Astronauten belasten durch eintöniges Leben auf engem Raum.
Zudem benötigen die Lebenserhaltungssysteme Energie, und die Astronauten verbrauchen je nach den
Möglichkeiten der Wiederaufbereitung mehr oder weniger Sauerstoff, Wasser und Nahrung.
Diese Ressourcen könnten durch Hibernation der Astronauten eingespart werden.
Die Studie zur Hibernation von Astronauten im Auftrag des Advanced Concepts Team der Esa
wurde inzwischen fertiggestellt unter dem Titel
Mammalian Hibernation Mechanisms: Relevance to a Possible Human Hypometabolic
Induced State. Darin wird ein Überblick über die Mechanismen des tierischen Winterschlafs
gegeben. Die Studie zeigt außerdem die hypothetischen Möglichkeiten auf,
diese Mechanismen auf den Menschen zu übertragen und wie die Hibernation in der Raumfahrt
aussehen könnte.
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Winterschlaf. Der Igel wird den Winter weitgehend verschlafen. Während seines Winterschlafs atmet
er statt 50 Mal pro Minute nur noch 1 oder 2 Mal, sein Herz schlägt statt 200 Mal pro Minute
nur noch 5 Mal und seine Körpertemperatur sinkt von 36 °C auf 1 bis 8 °C. Bären
schlafen dagegen im Winter bei fast normaler Körpertemperatur von 31 bis 35 °C,
ihre Herzfrequenz sinkt von 40 auf 10 Schläge pro Minute und ihr Stoffwechsel wird auf
50 bis 60 % gesenkt. Ob das Winterschlaf oder Winterruhe ist, darüber sind sich die Experten nicht einig.
I. A. werden längere Ruhephasen durch kurze Wachphasen unterbrochen,
in denen z. B. der Schlafplatz gewechselt wird. Foto: Sonja Müller
Weitere Anwendungen der Hibernation
- Die Lebensdauer von Spenderorganen bis zur Transplantation könnte verlängert werden.
- Schwer verletzte Soldaten, Astronauten usw. könnten längere Zeit bis zur
ärztlichen Versorgung überstehen.
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Mechanismen der Hibernation
Körpertemperatur. Allgemein wird angenommen, dass der Sollwert der Körpertemperatur
regulierbar ist, wie zum Beispiel das Fieber zeigt. Wodurch die Solltemperatur festgelegt wird, ist unbekannt.
Als mögliche Regulatoren werden wärmeempfindliche Nervenzellen im Hypothalamus angesehen.
Der Hypothalamus ist ein Bereich des Zwischenhirns mit wichtige Regulationszentren.
Die Aktivität der Nervenzellen könnte
durch mehrere chemische Sybstanzen beeinflusst werden (wärmeregulierende Neurotransmitter).
Diese Neurotransmitter wirken sich allerdings auch auf andere Körpersysteme aus.
Die verringerte Körpertemperatur begleitet die Hibernation.
Denn eine niedrige Körpertemperatur hält den Stoffwechsel auf niedrigem Aktivitätsniveau.
Die Verringerung der Körpertemperatur allein leitet die Hibernation nicht ein, sie
unterstützt diesen Vorgang höchstens. Denn winterschlafende Tiere reduzieren ihren Stoffwechsel
bereits rapide, bevor die Körpertemperatur wesentlich gesunken ist.
Stoffwechsel. Winterschlafende Tiere können ihre Zellkernaktivitäten verändern
und dadurch ihren Zellstoffwechsel drastisch reduzieren. Im Wesentlichen bauen sie auf niedrigem Niveau ein neues
Gleichgewicht zwischen Energiebedarf und Energieversorgung auf, und die Energieversorgung wird von
Kohlenhydraten auf Fettsäuren umgestellt. Als ein weiterer möglicher Schlüssel zur
Einleitung der Hibernation beim Menschen wird daher die entsprechende Umstellung der Energieversorgung
durch Hormone wie Leptin angesehen.
Genexpression. Menschen sind keine Winterschläfer, trotzdem
enthält das menschliche Erbmaterial einige Gene, die auch im Erbmaterial winterschlafender Tiere
enthalten sind. Bei diesen Tieren werden die Informationen, die diese Gene repräsentieren
in Körpereigenschaften umgesetzt (die Gene werden sozusagen eingeschaltet).
Das wird Genexpression genannt. Beim Menschen findet die Expression
dieser Gene höchstens im Fötus oder Neugeborenen statt.
Die Hibernation des Menschen ließe sich möglicherweise einleiten, wenn die
genetische Expression eines bestimmten Proteins, des Hibernation Inducting Trigger (HIT),
gelänge. HIT leitet die Hibernation verschiedener Tiere ein und wurde im Blut von Eichhörnchen,
Murmeltieren, Fledermäusen und Schwarzbären gefunden. Für die Expression von Genen
sind ansatzweise Methoden bekannt. Allerdings spielen bei der Hibernation viele Gene eine Rolle,
deren Wirkungen sich gegenseitig beeinflussen, und die regulatorischen Mechanismen der Erbanlagen und
des Stoffwechseln sind äußerst komplex.
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Unterkühlung des Menschen. Die normale Kerntemperatur des menschlichen Körpers
schwankt etwas um 37 °C. In kalter Umgebung kann die Temperatur sinken (Hypothermie).
Der Körper arbeitet dagegen an, indem er durch Muskelzittern Wärme erzeugt. Das Herz beginnt bei etwa
28 °C Körpertemperatur zu flimmern, und die Atmung stoppt bei etwa 23 °C. Starke Unterkühlung
wird bei manchen schweren chirurgischen Eingriffen angewendet, wobei eine externe Herz-Lungen-Maschine
den Blutkreislauf aufrechterhält. Gesunden Astronauten sollte man dieses Verfahren verständlicherseise nicht
zumuten. Durch medikamentöses Unterdrücken des Muskelzitterns könnte die Hypothermie und
vermutlich auch die Hibernation des Menschen unterstützt werden. Mit dem Medikament Meperidine
wurden menschliche Körpertemperaturen von 35 °C für einige Minuten erreicht. Tiefere
Temperaturen wurden aus ethischen Gründen nicht angesteuert.
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Der Lösungsansatz
Der Schlüssel zur Hibernation des Menschen
könnten HIT-ähnliche Substanzen
wie DADLE (D-Ala2-D-Leu5 Enkephalin) sein. Das ist ein synthetisches Produkt
aus Aminosäuren und die veränderte Form des natürlich vorkommenden Opiats Enkephalin,
das im Gehirn von Säugetieren vorkommt. DADLE allein wird beim Menschen voraussichtlich keine
stabile Hibernation hervorrufen. Dazu werden begleitende Maßnahmen nötig sein.
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Hibernation in der Transplantations- medizin. HIT, DADLE oder ähnlichen Substanzen
werden voraussichtlich eine wichtige Rolle in der Transplantationsmedizin spielen. Mit ihnen lassen sich
die Überlebenszeiten von Spenderorganen außerhalb des Körpers deutlich verlängern.
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Wie könnte Hibernation in der Raumfahrt aussehen?
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Bis eine Methodik entwickelt sein wird, die zuverlässig
in der Raumfahrt angewendet werden kann, muss noch sehr viel geforscht werden.
Die Hibernation umfasst grundsätzlich ihre Einleitung, Aufrechterhaltung,
Kontrolle und Beendigung. Dabei müssen die Körperfunktionen und -daten ständig überwacht werden,
möglichst ohne schwerwiegende körperliche Eingriffe.
Zu kontrollieren sind Körpertemperatur, Elektrokardiogramm (Herzschrift), Elektroenzephalogramm (Gehirnschrift),
Pulsfrequenz, Blutdruck, Blutzuckerwerte, Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt des Zellgewebes,
Atemfrequenz und so weiter. Dem Körper müssen die medizinisch gerade notwendigen Substanzen
automatisch zugeführt werden. Die medizinischen Regelungssysteme sollten
durch Expertensysteme überwacht werden. Es muss außerdem sichergestellt sein, dass
Hibernation bei den Astronauten nicht zu wesentlichem Muskelschwund führt. (Bei winterschlafenden
Tieren wird kein deutlicher Muskelschwund beobachtet.) Technisch umfasst die Hibernation dann folgende Punkte.
Herabsetzung der Körpersolltemperatur, also der Temperatur, die der Körper als
Standard auffasst. Ihre klinischen Konsequenzen können noch nicht abgeschätzt werden.
Vermutlich wird dies auf pharmazeutischem Weg möglich sein.
Medizinisch bekannt ist das Gegenteil: künstlich hervorgerufenes Fieber.
Verringerung der Körpertemperatur auf wenige Grad über 0 °C
kann durch flüssigkeitsgekühlte Wäsche oder
Kühlung der Umgebung erreicht werden. Die niedrige Temperatur zusammen mit niedriger
Herzfrequenz kann die Bildung von Blutgerinseln fördern. Daher müssen nach Bedarf
Gerinnungshemmende Medikamente zugeführt werden.
Verringerung der Sauerstoffzufuhr lässt sich mit der Atemluft einfach regeln.
Falls nötig, müsste der Blutfluss zu wichtigen Organen herabgesetzt werden.
Gefrierschutz kann durch entsprechende Substanzen per Infusion gewährleistet werden.
Klinisch wird bereits Glycerol im Rahmen verschiedener Therapien verwendet. Es beeinflusst allerdings
den Austausch flüssiger Stoffe durch die Zellwände (Osmose).
Beeinflussung des Stoffwechsels. Dazu müssen regulatorische Enzyme biochemisch
verändert werden (Phosphorylierung), da dies offenbar bei winterschlafenden Tieren eine wichtige
Bedingung der Hibernation ist. Der Vorgang muss umkehrbar sein, um die Hibernation zu beenden.
Dies erfordert entsprechende Medikamente oder Gentherapien.
Dieser Bereich des Stoffwechsels wird intensiv erforscht, da Störungen der normalen Phosphorylierung
die Ursache oder Folge vieler Krankheiten sind. Gentherapien lieferten bisher einige Erfolge und
wesentlich mehr Misserfolge.
Beeinflussung der Zellkernaktivität. Durch Opiate wie HIT und DADLE
in winziger Konzentration kann die Zellaktivität herunter- und wieder heraufgeregelt werden.
Diese Substanzen könnten dem Körper durch kleine Pumpen zugeführt werden.
Nebeneffekte im Bereich des Zentralnervensystems müssen vermieden oder behandelt werden.
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Astronauten zwischen Schlaf und Tod erscheinen gespenstisch.
Wer eine solche Mission irgendwann einmal freiwillig antritt, wird sich das gut
überlegt haben, oder er oder sie ist verrückt. Doch die Möglichkeit,
nach einer jahrelangen Reise kaum gealtert am unvorstellbar weit entfernten Ziel
zu erwachen, ist faszinierend. Grafik: Nasa/Jpl
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