Elektrosmog – Schadeffekt weit unterhalb der WHO-Grenzwerte

Seit Jahrzehnten wird diskutiert, inwieweit sich der Elektrosmog elektronischer Geräte auf die Gesundheit der Lebewesen auswirkt. Schädigende Effekte elektromagnetischer Strahlung sind bisher nicht eindeutig belegt worden, wenn ihre Intensitäten unter den Richtwerten der Weltgesundheitsorganisation WHO lagen. Nun beschreibt ein Forscherteam der Universität Oldenburg erstmals einen deutlichen Schadeffekt für Zugvögel, sogar bei Strahlungswerten, die ein Tausendstel des WHO-Grenzwerts betragen. Das gibt auch hinsichtlich möglicher Wirkungen auf den Menschen zu denken.

Europäisches Rotkehlchen (Erithacus rubecula). Foto: © Francis C. Franklin / Creative Commons BY-SA-3.0

Europäisches Rotkehlchen (Erithacus rubecula). Foto: © Francis C. Franklin / Creative Commons BY-SA-3.0

Das Forscherteam um den Biologen Prof. Dr. Henrik Mouritsen zeigte in einer siebenjährigen Doppelblindversuchsreihe: Der Magnetkompass von Rotkehlchen versagt total, sobald die Zugvögel schwachen elektromagnetischen Störungen im Mittelwellenbereich ausgesetzt sind.

„Wir konnten mit unseren Versuchen einen eindeutigen und reproduzierbaren Effekt menschlich verursachter elektromagnetischer Felder auf ein Wirbeltier dokumentieren. Diese Störungen stammen nicht von Stromleitungen oder Mobilfunknetzen“, erläutert Mouritsen in einer Darstellung der Universität Oldenburg. Das störende elektromagnetische Rauschen mit Frequenzen von zwei Kilohertz bis fünf Megahertz stamme im Wesentlichen von Elektrogeräten. „Die Auswirkungen der schwachen elektromagnetischen Felder sind bemerkenswert: Sie stören die Funktion eines gesamten sensorischen Systems bei einem gesunden höheren Wirbeltier.“

Entdeckung per Zufall

Seit etwa fünfzig Jahren erforschen Biologen, wie Zugvögel im Frühjahr und Herbst ihre Zugrichtung anhand des irdischen Magnetfelds bestimmen. Dabei untersuchen sie die Navigationsfähigkeiten der Vögel in sogenannten Orientierungskäfigen. Doch überraschenderweise funktionierte der Magnetkompass von Rotkehlchen nicht in den Holzhütten auf dem Campus der Universität Oldenburg.

Dr. Nils-Lasse Schneider, Elektrophysiologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter in Mouritsens Arbeitsgruppe, stieß daraufhin die Versuchsreihe an. Nach seinem Vorschlag wurden die Versuchsräume in den Hütten und damit auch die Orientierungskäfige mit Aluminiumplatten umhüllt. Sobald die Platten geerdet wurden, dämpften sie den Elektrosmog innerhalb der Hütten. Dagegen ließen sie das Magnetfeld der Erde durch, an dem sich die Vögel orientierten. Innerhalb der Abschirmung fanden die Vögel plötzlich wieder problemlos ihre Zugrichtung.

„Unsere Messungen der Störungen deuteten darauf hin, dass wir per Zufall ein biologisches System entdeckt hatten, das empfindlich auf vom Menschen verursachten Elektrosmog im Frequenzbereich bis zu fünf Megahertz reagiert“, sagt Mouritsen. Überraschend sei die Intensität der Störungen gewesen, so der Biologe: Sie läge weit unter den Grenzwerten der Internationalen Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (ICNIRP) und der WHO.

Experimentelle Fleißarbeit

Um die gestörte Zugvogel-Orientierung zuverlässig nachzuweisen, absolvierten Mouritsen und sein Team sieben Jahre lang zahlreiche Experimente. Darin wiederholten mehrere Generationen Studierender unabhängig voneinander die Versuche. Damit ihre Erwartungen die Ergebnisse nicht verfälschten, wurden die Experimentatoren nicht darüber informiert, ob die Abschirmung aktiviert wurde oder nicht. Ergebnis: Sobald die Erdung der Aluminiumhülle entfernt wurde oder elektromagnetische Störungen in den abgeschirmten Holzhütten erzeugt wurde, konnten sich die Vögel nicht mehr orientieren.

Was frühere Elektrosmog-Studien nicht vermuten ließen

Die Versuchsreihe lieferte den Forschern zudem Erkenntnisse, was nach früheren Elektrosmog-Studien nicht zu vermuten war: Die elektromagnetischen Störeffekte wirkten in einem viel weiteren Frequenzbereich und schon bei wesentlich geringerer Intensität. Dieses elektromagnetische Breitband-Rauschen gehört zur städtischen Umwelt. Denn es entsteht überall dort, wo elektrische Geräte betrieben werden. In ländlicher Umgebung sollte es somit deutlich schwächer sein. Tatsächlich konnten sich die Rotkehlchen ein bis zwei Kilometer vor den Toren der Stadt auch ohne Abschirmung orientieren.

Mögliche Auswirkungen für den Menschen noch unbekannt

„Natürlich sind die Auswirkungen des Elektrosmogs auf den Vogelzug somit lokal begrenzt. Dennoch sollten uns diese Ergebnisse zu denken geben – sowohl was die Überlebenschancen der Zugvögel als auch was mögliche Effekte für den Menschen angeht, die es noch zu untersuchen gilt“, so Mouritsen.

Elektrosmog verhindert Zugvögel-Orientierung. Prof. Dr. Henrik Mouritsen erläutert die experimentelle Studie und ihr Ergebnis.

Links

Svenja Engels, Nils-Lasse Schneider, Nele Lefeldt, Christine Maira Hein, Manuela Zapka, Andreas Michalik, Dana Elbers, Achim Kittel, P. J. Hore & Henrik Mouritsen: Anthropogenic electromagnetic noise disrupts magnetic compass orientation in a migratory bird; Nature (2014), published online 07 May 2014, doi:10.1038/nature13290
http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature13290.html

Arbeitsgruppe Neurosensorik (Animal Navigation) an der Uni Oldenburg
http://www.uni-oldenburg.de/ibu/neurosensorik/

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